Der Mann im Bademantel
One Battle After Another – eine Buchverfilmung von Vineland (Thomas Pynchon, 1984), sehr lose adaptiert, wie Regisseur Paul Thomas Anderson selbst betont. Der US-amerikanische Film firmiert als Black Comedy Action Thriller. Ein Film der zunächst kaum berührt, eher nervt wegen des hollywoodüblichen Dauerfeuers aus „Fuck you“, großer Klappe, Knarren und Klischees.
Extreme Figuren bevölkern den film: eine schwarze Boss Bitch, links-aktivistische Widerstandsdarsteller und weiße, krötenartige Suprematisten. Nun gut. Und doch wirkt er nach: Er meldet sich morgens nach dem Aufwachen zurück, beginnt sich zu entschlüsseln und wandelt dabei unmerklich das eigene geistige Klima.
Worum geht es? Wir befinden uns in den USA des 21. Jahrhunderts. Illegale Migranten werden zur Abschiebung in Lagern festgehalten, während aktivistische Schwarze, Weiße und sonstige Farben für die Menschlichkeit kämpfen – mit ziemlich unmenschlichen Mitteln. Der Gegner in dieser Gemengelage ist eine soldatische US-Einheit, die stark an ICE erinnert, geführt von Sean Penn in einer adrenalingeschwängerten Rolle als Colonel Lockjaw, einem alternden Verteidiger US-amerikanischer Supremacy.
Die schwarze Anführerin, gespielt von Teyana Taylor, heißt Perfidia – den Namen gibt es tatsächlich, er bedeutet „durch den Glauben täuschen“ – sie ist eine toughe junge Frau, wobei „tough“ eigentlich zu milde ist. Eine derart bossige Bitch, dass man sich fragt, wie sie mit solchen Eiern in der Hose überhaupt von der Stelle kommt.
Kontrastreicher ließe es sich kaum inszenieren: Perfidia wird schwanger, der dicke Bauch hängt nackt aus der Hose, während sie mit dem automatischen Sturmgewehr ihrer Berufung folgt. Diesen krassen Gegensatz muss man wohl dem wenig sublimen Denken Hollywoods zuschreiben – und still verbuchen, dass der Konflikt zwischen Mutterschaft und aktivistischer Karriere auch im 21. Jahrhundert noch immer seiner Bewältigung harrt.
An Perfidias Seite sehen wir Pat Calhoun, gespielt von Leonardo DiCaprio. Er ist ein eher stiller Begleiter im widerständigen Kampf für das Gerechte. Zwar fungiert er als Bombenexperte der Aktivistentruppe „French 75“, doch zugleich ist er ein emotionaler Gegenpart, der gerade dadurch glänzt, dass er sich den Klischees entzieht. In ihn kann man sich einfühlen, besonders später, wenn er – desillusioniert vom vielen Aktivismus – im karierten Bademantel auf seiner speckigen Couch herumhängt.
Die beiden bekommen ein Baby. Während der Vater es freundlich begrüßt, reagiert die Mutter irritiert. Sie sagt: „Ich habe Angst, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich bin eifersüchtig auf mein eigenes Kind“. Das ist immerhin gut beobachtet, denn Boss Bitches haben vermutlich nicht selten ein ausgeprägtes Narzissmusproblem.
Das Baby verliert, kaum geboren, seine Mutter. Perfidia muss untertauchen, nachdem sie sich auf sehr böse, nahezu vergewaltigende Weise mit dem ebenso bösartigen Colonel Lockjaw angelegt hat. Dieser rächt sich später mit tatsächlicher Vergewaltigung – Auge um Auge, Zahn um Zahn, Eier um Eier.
Auch Pat, der Dad muss sich verstecken. Er nennt sich fortan Bob Ferguson und schlägt sich in der abgelegenen Kleinstadt Baktan Cross durch, wo er für seine Tochter sorgt. Er zieht sie groß, ist einfach da, wenn das Kind seine Erfahrungen mit der Welt macht – und geht dabei langsam zugrunde. Da kifft er nun in seinem karierten Bademantel, den er für den Rest des Films nicht mehr ausziehen wird, hockt auf der Couch, während der alte Colonel bereits die Entführung der inzwischen 15-jährigen Willa (Chase Infiniti) plant.
Warum eine Entführung, mag man sich fragen. Das muss man erst einmal verstehen. Lockjaw will nämlich in den elitären Christmas Adventurers Club aufgenommen werden, dessen Aufnahmebedingungen reines weißes Blut verlangen und keinerlei „Erzeugnisse“ mit gemischter Abstammung dulden. Könnte Willa vielleicht seine Tochter sein?
Gibt es noch immer derart offen rassistische, Ku-Klux-Klan-artige Clubs in den USA – oder handelt es sich hier etwa um eine Verschwörungstheorie? Eine amerikanische Filmzeitschrift (1) hält fest, der Christmas Adventurers Club sei eine rein fiktive Organisation, eigens für den Film geschaffen. In der Realität gebe es keine belegte geheime Vereinigung weißer Rassisten, die im Verborgenen operiere und Einfluss auf Politik und Militär ausübe. Dieses nicht nur in Hollywood beliebte Motiv der „rechten rassistischen Gefahr“, wird gern eingesetzt zur moralischen und dramaturgischen Zuspitzung, es reiht sich hier nahtlos ein, in die lange Kette woker Klischees. Allerdings: Sean Penn, ist kaum wiederzuerkennen, er verkörpert die groteske Verkrampftheit des Colonel Lockjaw (Deutsch: Kieferkrampf) so köstlich mimisch, bis in die letzte Ritze seines faltigen Gesichts, dass man die ideologische Breitseite wegsteckt.
Nun nähern wir uns dem dramaturgischen Peak des Films, er gewinnt spürbar an Fahrt, wird mehr und mehr zum Roadmovie. Willa wird im Auftrag des Colonels entführt, Pat sucht sie, der Colonel erwischt die immer wieder entgleitende Jugendliche schließlich doch – und hat, die Biotechnik macht’s möglich, sein DNA-Vergleichsköfferchen gleich dabei. Der Test bestätigt: Willa ist tatsächlich aus seinem Gemächt entsprungen. Die wunderschöne, braunhäutige Willa mit ihren schwarzen Locken ist die Tochter dieses krötenartigen, in seiner stockarschigen Verkniffenheit kaum zu übertreffenden weißen Mannes. Und sie greift ihn an, frech, fast wie ihre Mutter: Warum er so ein enges T-Shirt trage, warum seine Schuhe so hohe Absätze hätten – ob er etwa schwul sei. Die kleine Schwarze diskriminiert ihren weißen Vater, indem sie ihn des Schwulseins bezichtigt. Ein guter Gag, schön ambivalent.
Wieder entkommt sie den Fängen des bösen weißen Vaters, während ihr guter weißer Vater mit wehendem Bademantel durch die amerikanische Einöde rast, um seine Tochter zu retten. Den Bademantel kennen wir gut aus deutschen Landen, wo gewaltfreie Oppositionelle morgens per Hausdurchsuchung abgeholt werden, weil sie die Sache mit der Meinungsfreiheit wohl missverstanden haben. Vielleicht wird der Bademantel ja noch zum Symbol eines Widerstands, der ohne aktivistisch-gewalttätige Brechstange und ohne ideologische Verkrampfung für das einsteht, was zu verteidigen wäre. Ein widerständiger, friedvoller Mann im Bademantel: ein hübsches Logo für eine bessere Welt, jenseits der fade gewordenen Links-Rechts-Markierungen.
Männer prägen diesen Film. Drei Stück. Still und heimlich ist es ein Film über das Männerbild im Wandel der Zeiten. Der dritte Mann, Sensei Sergio, steht in der Mitte. Kein Loser wie unser Dad am Rand des Nervenzusammenbruchs, kein weißer Karrierist wie der Colonel, sondern eben dazwischen. Gespielt vom Puerto-Ricaner Benicio del Toro: ein Mann der Kampfkunst, der für seine Community sorgt. Einatmen – ausatmen. Ocean waves – ocean waves. Eine erwachsene Vaterfigur. Jordan B. Peterson würde ihn mögen.
Willas Flucht kommt langsam zu ihrem Ende. In einem alten weißen Chevrolet rast sie durch die kalifornische Wüste. Breite, geradlinige, unbewohnte Highways, sanfte Hügel, hoch und wieder runter ins Tal. Die Kamera klebt an der Stoßstange, die Brennweite ist lang, der Rhythmus ist behäbig, rauf und wieder runter. Eine der schönsten Verfolgungsjagden: eine Reminiszenz an den experimentellen Film, ein Abstraktionsniveau, das sich sehen lassen kann. Schwärm.
Am Ende versöhnt der Film einen beinahe mit der woken Filmkultur der letzten Jahre – und lässt hoffen, dass sie vielleicht bald zu sich selbst findet.
c Christine Schillinger, 21. Jan 2026
(1) https://thecinemaholic.com/one-battle-after-another-christmas-adventurers-club/




