Autonomie – selbst organisiert, gemeinsam entschieden

Mindestens so dialektisch wie Freiheit

Unter den vielen Begriffen, deren Bedeutung in Zeiten des Umbruchs neu verpackt, verdreht oder stillschweigend ausgehöhlt wird, führt Autonomie ein erstaunliches Schattendasein. Zwar ist die Idee der Autonomie in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent – aber selten wird sie bewusst benannt oder reflektiert. Stattdessen schiebt sich ihr kleiner Bruder „Unabhängigkeit“ in den Vordergrund der Debatten, reduziert Autonomie auf Abgrenzung und übersieht dabei ihren eigentlichen Kern: die Fähigkeit zur gemeinsamen Selbstorganisation und kollektiven Entscheidungsfindung.

So richtet sich der Ruf nach Autonomie im politischen Außen auf Unabhängigkeit von Russland und China, zunehmend auch von den USA. Im politischen Inneren hingegen betreibt man Unabhängigkeit vom Volkals möglichst störungsfreies Regieren, abgeschirmt von jenem unbequemen Teil der Bevölkerung, der darauf beharrt, dass innere Missstände nicht verwaltet, sondern gelöst werden sollen. Auf individueller Ebene äußert sich Autonomiestreben als Wunsch sich von Echokammern, Moralismen und ideologischen Zugriffen auf das eigene Denken zu lösen.

In beiden Lebenswelten erscheint Autonomie damit meist unausgesprochen als Sehnsucht nach Befreiung von Gängelung durch Staaten, durch feindselige Bevölkerungsgruppen, durch bürokratische Lenkung, mediale Erziehungsansprüche oder durch das digitales Panoptikum.

Doch der Ruf nach Selbstbestimmung hat auch eine Schattenseite. Wird Autonomie absolut gesetzt wendet sie sich gegen alles Andere: gegen natürliche Grenzen, gegen das Menschliche, das moralisch “immer nur gut” sein soll, gegen den Körper, der frei von Krankheit und idealerweise unsterblich sein soll, und gegen natürliche Ressourcen, die verfügbar, kontrollierbar und dauerhaft erneuerbar zu sein haben. Autonomie kann dann vom sozialen Ideal in ein Projekt totaler Verfügungsgewalt kippen.

Autonomie lässt sich nur als dialektischer Pol innerhalb eines sozialen Gefüges begreifen; sie ist ohne den Anderen und das Andere – einschließlich der Natur des Menschen – nicht denkbar. Als ideal gedachter Pol der Freiheit ist Autonomie auf einen sozialen Gegenpol angewiesen und damit darauf, sich Regeln des Zusammenlebens zu geben. Wo immer sich Subjekte, Gruppen, Territorien – oder auch Apparate – als autonom bezeichnen, stellt sich daher die Frage nach den Regeln, die sie sich selbst gesetzt haben.

Aus Regeln entstehen die Strukturen, nach denen wir gemeinsam entscheiden: Abläufe, Verfahren, Bedingungen für Abstimmungen und andere Entscheidungen. Klar definierte Gesetze legen diese Regeln fest, Kontrollmechanismen sorgen dafür, dass sie nicht nur auf dem Papier stehen. In diesem Text soll es um die Art von Gemeinschaften gehen, die bewusst auf direkt-demokratische Modelle setzen – egalitär, selbstorganisiert, gemeinsam entschieden. Alle anderen – also Top-Down Systeme ohne Politikerhaftung und ohne Abwählbarkeit der Repräsentanten – haben sich als zu anfällig für Machtmissbrauch herausgestellt, ganz unabhägig davon ob sie aus monarchischen, repräsentativ-demokratischen oder sozialistischen Regierungsformen hervorgegangen sind.

Vorzeigeprojekt und Feldversuch

Darauf aufbauend richtet sich mein Blick auf einen der vielen Feldversuche, in denen politische, wirtschaftliche und kulturelle Autonomie ausprobiert wird. Wie laufen dort die Entscheidungsprozesse? Wie kommunizieren die Beteiligten, wie planen und verteilen sie Aufgaben? Wer prüfen sie ob Ziele erreicht werden, und wie verhindern sie Machtmissbrauch? Welche Perspektiven entwickeln sie für die Zukunft, und woher schöpfen sie die Kraft, Anfeindungen von außen zu überstehen?

Das wären die Fragen, die konkret zu stellen wären, gäbe es eine Möglichkeit des direkten Kontakts zu dem Projekt, das in nahezu jeder Hinsicht – aus direkt-demokratischer Perspektive – ein Vorzeigeprojekt zu sein scheint: Rojava.

Die autonome Verwaltung Rojava entstand ab 2012 im Nordosten Syriens während des Bürgerkriegs und entwickelte ihre Verfassung auf der Basis lokaler Räte, demokratisch-konföderaler Strukturen sowie der konsequenten politischen Einbindung von Frauen und Multiethnien. Die Region spielte eine zentrale Rolle im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat und stand seit ihrer Gründung unter anhaltendem militärischen Druck, auch durch wiederholte Angriffe der Türkei auf kurdisch kontrollierte Gebiete. Die Selbstverwaltung musste sich in ihrer inzwischen etwa 14-jährigen Geschichte immer wieder verteidigen und wurde vor allem durch die Beteiligung bewaffneter Frauenverbände bekannt.

Auch 2026 bleibt die Lage hochdynamisch: Berichte über Waffenstillstände, Gebietsverschiebungen und Verhandlungen wechseln sich ab. Parallel dazu versucht Rojava, politische Arrangements mit der neuen syrischen Zentralregierung auszuloten – unter Bedingungen permanenter Unsicherheit.

Unter diesen Umständen ist ein direkter Zugang zu dem Projekt kaum möglich. Die Auseinandersetzung mit Rojava kann daher nur indirekt erfolgen, auf Grundlage öffentlich zugänglicher Quellen und sekundärer Berichte. Gerade diese Distanz legt es nahe, zunächst einen Schritt zurückzutreten und die Begriffe zu klären, mit denen Rojava meist beschrieben wird. Bevor also konkrete Verfahren oder Praktiken Rojava’s betrachtet werden, gilt es, Autonomie, direkte Demokratie und Basisdemokratie inhaltlich genauer zu betrachten. Die Ideen, auf die sich Rojava bezieht, stehen nicht isoliert, sondern sind Teil einer längeren ideengeschichtlichen Linie, die auch in europäischen sozial-reformerischen Bewegungen ihren Ausdruck gefunden hat – und sie können, so hoffe ich, die gegenwärtige Debatten über „progressive“ Politik in neuem Licht erscheinen lassen.

Autonomie – direkte Demokratie – Basisdemokratie

Die Herkunft des Begriffs Autonomie aus dem Griechischen – αὐτός, „selbst“, und νόμος, „Gesetz“ – verweist auf drei zentrale Aspekte:

Erstens bezeichnet Autonomie das Recht, sich eigene Gesetze zu geben oder nach selbst gesetzten Regeln zu leben; der Rechtsrahmen territorialer Autonomie.

Zweitens meint sie die Fähigkeit von Einzelnen oder Gemeinschaften, sich ohne unerwünschten äußeren Einfluss selbst zu organisieren; die Grade der Selbstorganisation.

Drittens beschreibt Autonomie im philosophischen, besonders ethischen Sinn den Zustand eines Menschen, der sein Handeln allein seinem Gewissen unterwirft; die Freiheitsgrade sozialer Interaktion.